Wie Corona den Onlinehandel und die Welt verändert

Das Kaufverhalten der Menschen im Internet hat sich durch die Pandemie in kürzester Zeit in einer Art und Weise verändert, die sonst drei bis vier Jahre gedauert hätte. Das ergab eine Studie des Marktforschungsinstituts Kantar, die die schwedische E-Commerce-Prüfungsgesellschaft Detail Online in Auftrag gegeben hat. Die Befragten waren etwa 3.200 Personen aus Großbritannien, Deutschland und […]

Wie Corona den Onlinehandel und die Welt verändert

Das Kaufverhalten der Menschen im Internet hat sich durch die Pandemie in kürzester Zeit in einer Art und Weise verändert, die sonst drei bis vier Jahre gedauert hätte. Das ergab eine Studie des Marktforschungsinstituts Kantar, die die schwedische E-Commerce-Prüfungsgesellschaft Detail Online in Auftrag gegeben hat. Die Befragten waren etwa 3.200 Personen aus Großbritannien, Deutschland und Frankreich.

Doch für kleine Onlinehändler gibt es auch schlechte Nachrichten: Amazon meldete im ersten Quartal 2020 eine Umsatzsteigerung um 26 Prozent auf 75,5 Milliarden Dollar (68,9 Mrd Euro) im Vergleich zum Vorjahr. Hat sich alles also nur weiter zugunsten der Marktmacht des US-Konzerns verlagert? Dieser und anderer Fragen ging Arvato Supply Chain Solutions in ihrer Studie „Die neue Realität nach Corona“ nach.

Welche Branchen profitieren

Der GfK Konsumklimaindex lag im April 2020 auf einem historischen Tiefpunkt. Mit minus 23,4 Punkten war er über 25 Punkte niedriger als im Vorjahresmonat. Entsprechend zurückhaltend waren die Kunden auch beim Konsum – online wie offline.

Angaben des Bundesverbands für E-Commerce zufolge lagen die Online-Umsätze im März 2020 fast 20 Prozent niedriger als im Vorjahr. Besonders betroffen waren Produkte im Bereich Accessoires, Fashion und Unterhaltungselektronik. Profitieren konnten hingegen Lebensmittelhändler, Drogisten und Online-Apotheken, obwohl deren Produkte auch während des Lockdowns in Ladengeschäften erhältlich waren. Die Umsätze dieser Gewinner der Krise stiegen um mehr als 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und werden Untersuchungen von Arvato zufolge langfristig auf einem höheren Niveau bleiben.

Welche Branchen sich schneller erholen

Arvato ging in seinen Untersuchungen von zwei Szenarien aus: Im ersten Szenario wurden Kontaktsperren ab Mai dauerhaft aufgehoben und die Länge des Shutdowns mit unter zwei Monaten angenommen. Im zweiten Szenario wird die Dauer des Shutdowns bei über zwei Monaten angesetzt und die Wirtschaft nur sehr langsam hochgefahren.

Die Experten kommen zu dem Schluss, dass sich die Branchen in beiden Szenarien unterschiedlich schnell erholen. Als Faustregel gilt dafür:

Je höher der Warenwert im Verhältnis zum Haushaltsnettoeinkommen und je geringer der akute Bedarf desto länger dauert die Erholung.

Am schnellsten sehen die Autoren der Studie eine Erholung der Sportbekleidung und Ausrüstung, die bereits zum Ende des zweiten Quartals oder Anfang des dritten Quartals 2020 einsetzen könnte.

Danach folgt die Erholung der Branchen Beauty und Wellness, Fashion, Consumer Electronics, Wohnen und Einrichten, Inlandsreisen und Naherholung, Schmuck und Uhren. Am längsten dauert die Erholung bei Auslandsreisen, die am Beginn des vierten Quartals 2020 oder erst zu Beginn des dritten Quartals 2021 stattfinden könnte.

Neue Märkte für den Onlinehandel

International stellen sich ebenfalls Veränderungen ein. Viele bisher wichtige Absatzmärkte wie etwa Frankreich, die Niederlande oder Italien sind stark von der Krise betroffen. Die These von Arvato ist nun, dass auch international eine Verlagerung des Offline-Konsums in Richtung online erfolgt. Länder wie China, Rumänien oder Polen könnten nun interessanter als Absatzmarkt werden. Andererseits werden sich auch Onlinehändler aus dem Ausland stärker auf den deutschen Markt fokussieren. Arvato nennt hier „ManoMano“ aus Frankreich als Beispiel.

Regionale Geschäftsmodelle – gekommen, um zu bleiben

Aus der Not eine Tugend machen, das scheinen sich viele Ladengeschäfte auf die Fahnen geschrieben zu haben. So entstanden in vielen Städten regionale Online-Marktplätze, über die Kunden regional einkaufen konnten. Langfristig wird Arvato zufolge ein großer Teil dieses Onlinehandels wieder wegfallen. Trotzdem führte diese Entwicklung dazu, dass sich Geschäfte und Unternehmen mit dem Thema Onlinehandel auseinandersetzten, was viele Potenziale eröffnet.

Die Corona-Krise führte auch dazu, dass Angebote wie etwa „Deine Speisekammer“ oder „Out and About“ entstanden, sodass sich Kunden weiterhin mit regionalen Lebensmitteln versorgen konnten. Diese Idee bietet auch langfristig Erfolgspotenzial. Ein Teil der regionalen Lebensmitteleinkäufe wird vermutlich auch in Zukunft weiterhin online getätigt.

Omnichannel im Aufwind

Die Waren online zusammenstellen und dann im Ladengeschäft abholen: Diese Möglichkeit nutzen gerade viele Kunden. Große Ketten wie etwa REWE oder dm bieten diesen Service an. Da die Nachfrage oftmals größer ist als die gelagerten Waren, sind Lieferengpässe oder längere Wartezeiten möglich. Dieses Problem lässt sich durch das sogenannte Ship from Store vermeiden. Die bestellten Produkte versendet der nächstgelegene Fachhändler, statt sie aus dem Hauptlager zu verschicken. Das spart Zeit und Lagerkapazitäten, Lieferengpässe lassen sich so vermieden.

Novalnet Supply Chain Solutions Grafik A1a

Die Digitalisierung beschleunigt sich

Wie auch an Universitäten, Schulen oder in Unternehmen, beschleunigt sich die Digitalisierung auch im Onlinehandel. Kleine Händler, die sich bislang wenig mit diesem Thema befassten, mussten dies nun nachholen. So mancher lokale Händler ging online. Es gab noch weitere spannende Entwicklungen: Messestände wurden zu virtuellen Showrooms und neue Auslieferungskonzepte wie etwa Drohnen standen im Fokus. Selbst Kulturangebote wie Konzerte oder Lesungen verlagerten sich ins Internet und damit in den E-Commerce.

Die Krise zwingt zum Umdenken

Corona zwang deutsche Unternehmen zur Veränderung. Während sich viele Unternehmen jahrelang gegen das Home-Office sträubten, war dieses während der Corona-Krise oft die einzige Möglichkeit, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten. Für viele Ladengeschäfte blieb der Onlinehandel die einzige Option. Experten wie etwa die Bertelsmann Stiftung stellen seit langem fest, dass deutsche Unternehmen nicht genug in die Zukunft investieren. Damit könnten sie im digitalen Zeitalter zurückfallen. Die wegen der Krise entstandenen neuen Vertriebswege und Geschäftsmodelle haben auch für die Zukunft Potenzial.

Textile Lieferketten verändern sich, aber nicht langfristig

Die Pandemie machte auch Abhängigkeiten und prekäre Arbeitsbedingungen sehr deutlich, so etwa bei den Lieferketten. Da das Virus zunächst in China ausbrach, begann dort aufgrund des Shutdowns die Materialknappheit, die zu Lieferengpässen führte, und setzte sich nach Bangladesch, Kambodscha und Myanmar fort. Aufgrund der Reduzierung des Angebots stiegen auch die Preise. Als das Virus dann auch in den USA und in Europa um sich griff, reduzierte sich dort die Nachfrage. Allein in Bangladesch sind 960 Fabriken von Stornierungen in Höhe von 2,39 Milliarden Euro betroffen. Arvato erwartet wegen des Preisdrucks zwar keine nachhaltigen Veränderungen in der Modeindustrie. Allerdings könnten die Wünsche der Kunden langfristig zu Änderungen führen.

Welche Zahlungsmethoden über den Erfolg entscheiden

Unter dem Strich bietet die Krise also auch Chancen. Schwachstellen werden deutlich, egal ob in der Modeindustrie oder in Schlachthöfen. Wo es vor der Krise Probleme gab, werden diese verstärkt. Andererseits sind deutsche Unternehmer gezwungen, kreativer und offener gegenüber Veränderungen zu werden. Dieses Umdenken kann langfristig zu nachhaltigen, neuen Geschäftsmodellen und Lieferwegen führen.

Übrigens gab es durch Corona auch Veränderungen bei den Zahlungen: In Ladengeschäften nutzten Kunden vermehrt die Kartenzahlung und dabei besonders die kontaktlose Zahlung. Auch online sollte diese Chance genutzt und die Bezahlung neu gedacht werden.

Denn im Online-Shop ist es ganz besonders wichtig, ein möglichst umfassendes Zahlungsportfolio anzubieten, wie das ibi research Institut der Universität Regensburg in einer Studie veröffentlichte. Demnach können Zahlungsabbrüche vermieden werden, wenn Kunden ihre präferierte Zahlungsweise nutzen können. Die Ansprüche sind dabei sehr unterschiedlich. Nur die beliebtesten Zahlungsweisen reichen nicht aus, denn damit werden der Studie zufolge nur rund 60 Prozent der Kunden erreicht. Elf Prozent der Befragten geben sogar an, nur eine Zahlungsmethode zu nutzen. Wird diese nicht angeboten, springen sie ab.

Gerade im Hinblick auf die neu entstandenen Vertriebsideen können auch andere Zahlungsmethoden angedacht werden. Wiederkehrende Bestellungen – wie etwa die wöchentliche Lebensmittelbestellung beim lokalen Bauern – sind dank einer Abonnementverwaltung einfach. So nutzen Händler das kreative Potenzial der Krise für eine nachhaltige Zukunft.

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